Langer Steinweg 8 (Blomberg): Unterschied zwischen den Versionen

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[[Datei:Langer Steinweg 8, Aufmaß Ebinghaus 1912.jpg|mini|Langer Steinweg 8, Längsschnitt, Querschnitt und Grundriss. Aufmaß von Hugo Ebinghaus, vor 1912. Aus: Ebinghaus 1912]]
[[Datei:Langer Steinweg 8, Aufmaß Ebinghaus 1912.jpg|mini|Langer Steinweg 8, Längsschnitt, Querschnitt und Grundriss. Aufmaß von Hugo Ebinghaus, vor 1912. Aus: Ebinghaus 1912]]
[[Datei:Langer Steinweg 8, Saal Ebinghaus 1912.jpg|mini|Langer Steinweg 8, Saal. Bauzeitliche Fenster mit beschnitzten Pfosten und ornamentaler Bleiverglasung in sog. Schweizer Rauten. Foto: Hugo Ebinghaus, 1912. Nach Ebinghaus 1912]]
[[Datei:Langer Steinweg 8, Saal Ebinghaus 1912.jpg|mini|Langer Steinweg 8, Saal. Bauzeitliche Fenster mit beschnitzten Pfosten und ornamentaler Bleiverglasung in sog. Schweizer Rauten. Foto: Hugo Ebinghaus, 1912. Nach Ebinghaus 1912]]
[[Datei:Langer Steinweg 8, Kamin Henrici 1892.jpg|mini|Langer Steinweg 8, Saalkamin. Aufmaß und Zeichnung von Studierenden der TH Aachen, 1890. Aus Henrici 1892]]
[[Datei:Bilelefeld, Städtisches Museum, Kamin aus Blomberg, AK nach 1912 Vogelsang 1978.jpg|mini|Bielefeld, Städtisches Museum, "Kamin aus Blomberg i./L.". Ansichtskarte, nach 1912]]


==Geschichte==
==Geschichte==
Mittelalterliche Hausstätte, Ende des 16. Jahrhunderts mit großem Fachwerk-Dielenhaus mit Saal bebaut. Mutmaßlicher Erbauer war Cord von Braunschweig aus Kassel, 1590 Amtsschreiber im Amt Sternberg, später Amtmann in Blomberg. Er strab 1634 mit seiner zweiten Frau Cahtharina Höcker an der Pest. Weitere Eigentümer und Bewohner waren ein Offizier aus Magdeburg, Kaufleute und Bäcker sowie Lohgerber. 1912 erwarb es der Sattlermeister August Mariß. Er ließ das alte Haus abbrechen und durch den erhaltenen Neubau ersetzen.


==Gebäude==
==Gebäude==
'''Heutiger Bau von 1912:''' Zweigeschossiges, giebelständiges Wohn- und Geschäftshaus, historistischer Putzbau mit Werksteingliederung, dreifach vorkragender Fachwerkgiebel, im 1. OG links Fachwerkerker, reiche Zierschnitzereien der Neorenaissance. Erker mit Brüstungsbohlen mit Rollwerkkartuschen, mittlere mit Datierung "19.12". Ladeneinbau im Erdgescchoss rechts mit Mitteleingang und zwei großen Schaufenstern mit Werksteingewänden.
'''Heutiger Bau von 1912:''' Zweigeschossiges, giebelständiges Wohn- und Geschäftshaus, historistischer Putzbau mit Werksteingliederung und Bruchsteinfassade im EG, dreifach vorkragender Fachwerkgiebel, im 1. OG links Fachwerkerker auf vier Kragsteinen. Zierschnitzereien der Neorenaissance, am Erker drei Brüstungsbohlen mit Rollwerkkartuschen, mittlere mit Datierung "19.12". Bauzeitlicher Ladeneinbau im Erdgeschoss rechts mit Mitteleingang und zwei großen Schaufenstern mit Werksteingewänden.


'''Altbau, spätes 16. Jahrhundert, abgebrochen 1912:''' Rekonstruktion der ursprünglichen Bau- und Raumstruktur nach rekonstruierender Fassadenansicht von Charton und Stiehl (1883) und schematischem Aufmaß von Hugo Ebinghaus (1912): Fachwerk-Giebelhaus, ursprünglich zweischiffiges Dielenhaus (Dreiständerbau) mit rückwärtigem Saal. Dreifach auf Stichbalken vorkragender Giebel aus kräftigen Hölzern, Vorkragungen mit reicher Zahnschnittdekoration, nach oben abnehmend. Im unteren Giebelstockwerk Brüstungsgefache mit Andreaskreuzen, unter dem Rähm des Dielen-Untergeschosses breite vorgenagelte Bohle mit Inschrift in Fraktur. Leicht außermittiger Torbogen aus sehr breiten Hölzern, Inschrift verwittert (auf hist. Fotos nicht erkennbar), umlaufendes breites Zierband mit Taubändern und mittlerer Perlschnur, unten in Schlingen auslaufend. Obere Flügel des Dielentores bauzeitlich, mit Lilienbeschlägen. Links Sturzriegel über den beiden Fenstern der Stube (ursprünglich Fensterband mit Bleiverglasung), mit Tauband und Resten weiterer Zierschnitzereien. Rechts vom Torbogen Rest einer langen Fußstrebe, Fenster im EG jünger.
'''Altbau, spätes 16. Jahrhundert, abgebrochen 1912:''' Rekonstruktion der ursprünglichen Bau- und Raumstruktur nach rekonstruierender Fassadenansicht von Charton und Stiehl (1883) und schematischem Aufmaß von Hugo Ebinghaus (1912): Fachwerk-Giebelhaus, ursprünglich zweischiffiges Dielenhaus (Dreiständerbau) von sieben Fachen (8 Gebinden) mit rückwärtigem Saal-Hinterhaus von vier Fachen. Steiles Sparrendach mit Spitzständerdachwerk, Bodenluke mit Aufzugrad zwischen zwei Spitzständern im 3. Fach. Das 1912 abgebrochene Gebäude war das bedeutendste Fachwerk-Bürgerhaus der Spätrenaissance in Blomberg, reiche Zahschnittdekoration der Fassade in enger Abhängigkeit vom Rathaus (1587). Auch in seiner inneren Raumstruktur und Ausstattung (Dielen- und Saalkamin, Saalfenster mit alter Bleiverglasung) war das Haus ausgezeichnet erhalten.


Zweischiffiges Dielen-Vorderhaus von sieben Fachen (8 Gebinden), rechts eingezogenes unterkellertes Saal-Hinterhaus von vier Fachen. Zweites, schmaleres Seitenschiff rechts wohl im 19. Jahrhundert eingebaut.
Dreifach auf Stichbalken vorkragender Giebel aus kräftigen Hölzern, Vorkragungen mit reicher Zahnschnittdekoration, nach oben abnehmend. Im unteren Giebelstockwerk Brüstungsgefache mit Andreaskreuzen (vgl. Rathaus, Ostgiebel), unter dem Rähm des Dielen-Untergeschosses breite vorgenagelte Bohle mit Inschrift in Fraktur. Leicht außermittiger Torbogen aus sehr breiten Hölzern, Inschrift verwittert (auf hist. Fotos nicht erkennbar), umlaufendes breites Zierband mit zwei Taubändern und mittlerer Perlschnur, unten in Schlingen auslaufend. Obere Flügel des Dielentores mit Lilienbeschlägen, bauzeitlich, Oberlichter mit alter Bleiverglasung. Rekonstruktion des Erdgeschossfachwerks bei Charton und Stiehl (1883) schemaatisch und unzutreffend; das Foto von ca. 1910 zeigt links einen Sturzriegel über den beiden Fenstern der Stube mit Tauband und Resten weiterer Zierschnitzereien, ursprünglich breites, bleiverglastes Fensterband der Stube. Rechts vom Torbogen Rest einer langen Fußstrebe, zwei Stubenfenster im EG erst im 19. Jahrhundert eingebaut.


Das 1912 abgebrochene Gebäude war das bedeutendste Fachwerk-Bürgerhaus der Spätrenaissance in Blomberg,reiche Zahschnittdekoration der Fassade in enger Abhängigkeit vom Rathaus (1587). Auch in seiner inneren Raumstruktur und Ausstattung (Dielen- und Saalkamin, Saalfenster mit alter Bleiverglasung) war das Haus vorzüglich erhalten.
Zuletzt dreischiffiges Dielen-Vorderhaus und unterkellertes Saal-Hinterhaus, Vorderhaus ursprünglich zweischiffig mit rechtsseitiger Diele und linksseitiger Stube. Anschließende Küche anstelle früherer, vermutlich hoher Lucht (großer Dielenkamin durch jüngere Küchenwand angeschnitten). Herdwand massive "Brandmauer" mit mittigem Kaminzug, ca. 1 m stark. Dielenkamin mit spätgotisch anmutenden Kragsteinen und großem, pyramidenförmigem Rauchfang mit horizontalen Zierleisten, Saalkamin mit Reinaissance-Kragsteinen mit Beschlagwerk und hölzernem, umlaufendem Kaminsturz mit Arkadenmuster und Zahnschnitt (nach Abbruch 1912 ins Städtische Museum Bielefeld überführt, nach Abbruch des Museumsgebäudes 1966 Verbleib unbekannt). Großer Saal (ca. 50 qm, 3,6 m hoch) mit "Gipsboden" (Taxation 1857) über gering eingetieftem Keller mit Balkendecke (zuletzt als Stall genutzt). An der rechten Traufseite waren noch bauzeitliche Saalfenster mit geschnitzten Pfosten und ornamentaler Bleiverglasung (sog. Schweizer Rauten) erhalten. Balkendecke mit Unterzug und seitlichen Kopfbändern, zuletzt verputzt und hell gestrichen. Saalbau rechts etwa 1 m einspringend (mit Dachvorkragung? - vgl. Langer Steinweg 23); am Einsprung Ausgang zum Hof und jüngerer Stallanbau. Schmales rechtes Seitenschiff mit kleiner Stube, Kammer und Keller vermutlich im 19. Jahrhundert eingebaut, seitdem dreischiffiger Grundriss mit nur 3,60 m breiter Diele.


==Inschriften==
==Inschriften==
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Giebelinschrift auf breiter, vorgenagelter Bohle mit Zahnschnittkanten, unterhalb des Rähms:
Giebelinschrift auf breiter, vorgenagelter Bohle mit Zahnschnittkanten, unterhalb des Rähms:


''Erkenne.Gott.undt.rufe.in.an.In.allem.waß.du.begerst.zu.thun.So.wirdt.Ehr.dein.anschläge.und.fleiß.regierenn.daß.du.erlangest.preiß.Gal.3.ca.Gots.Gnad.hilft.fro.und.spat.''
''Erkenne.Gott.undt.rufe.in.an.In.allem.waß.du.begerst.zu.thun. So.wirdt.Ehr.dein.anschläge.und.fleiß.regierenn.daß.du.erlangest.preiß. Gal.3.ca.Gots.Gnad.hilft.fro.und.spat.''


==Eigentümer*innen, Bewohner*innen==
==Eigentümer*innen, Bewohner*innen==
Möglicher Erbauer ist Cord von Braunschweig aus Kassel, 1590 Amtsschreiber im Amt Sternberg, später Amtmann in Blomberg. Heirat vor 1594 mit Cahtarina Waterbecker aus Blomberg, 2. Heirat vor 1634 Catharina Höcker. Beide starben 1634 an der Pest.<ref>Besitzergeschichte nach Rolf, Bürger (1996), S. 114f.</ref>
1635 Erwerb durch Capitain oder Hauptmann Andreas Böneke aus Magdeburg (Bürgerrecht 1635) mit Frau Margrete von Amelung und Kindern. 1640 betrug der Wert des Hauses 400 Taler.
1662 (Bürgerrecht) Bäcker Fritze Botterbrodt aus Nr. 279 (Langer Steinweg 7). Verkauft 1680 eine Scheune hinter seinem Hause an seinen Nachbarn Fr. Heringlake (in Nr. 270, Langer Steinweg 10).
Um 1702 Haus durch Tausch an Bäcker Jacob Henrich Diekmann aus Schwalenberg (Bürgerrecht 1698).
1718 Einheirat von Theophilus Stoelmann aus Herford, Bäcker und Kaufmann, "eines Ratsherrn Sohn" (+ 1746).
1756 Verkauf für 630 Taler durch Witwe an Schuhmacher und Ratsherrn Johann Cord Holste aus Nr. 224 (Kuhstraße 16).
1774 (Bürgerrecht) Sohn Christoph Abraham Holste, lebte 1776 (VZ) mit Tochter und zwei Mägden im Haus und hielt 2 Kühe und 2 Schweine.
1810 (Bürgerrecht) Sohn Carl Conrad Holste, Schuhmacher und Lohgerber, mit Frau und 2 Kindern (1835, VZ).
1860 (Bürgerrecht) Sohn Heinrich Eduard Holste, Lohgerber
1912 Sattlermeister August Mariß, Abbruch und Neubau des Hauses.


==Literatur==
==Literatur==
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{{RolfBürger1996}}.
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Carl Schäfer (Hg.), Die Holzarchitektur Deutschlands vom XIV. bis zum XVIII. Jahrhundert, Berlin 1883-1888 (Reprint Hannvoer 1981).


{{StieweHausbau1996}}.
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