Wilbasen, Wohnplatz in Siebenhöfen: Unterschied zwischen den Versionen
Keine Bearbeitungszusammenfassung Markierungen: Mobile Bearbeitung Mobile Web-Bearbeitung |
Markierungen: Mobile Bearbeitung Mobile Web-Bearbeitung |
||
| (3 dazwischenliegende Versionen desselben Benutzers werden nicht angezeigt) | |||
| Zeile 21: | Zeile 21: | ||
Die '''Einzelhofsiedlung Wilbasen''', der frühere Meierhof Stork, liegt südlich der heutigen Bundesstraße 1, der früheren "Cöllnischen Landstraße", etwa 2 km westlich der Stadt Blomberg. Östlich verläuft der Hainbach, früher "Wilbaser Beke", ein nördlicher Zufluss des Königsbaches. Westlich führt ein alter Hohlweg in nord-südlicher Richtung an der Hofstelle vorbei. Nordöstlich des heutigen Hofes hat Willy Gerking durch archäologische Streufunde mit Keramikscherben des 9. bis 14. Jahrhunderts eine Wüstung lokalisiert.<ref>Willy Gerking, Die Wüstungen des Kreises Lippe. Eine historisch-archäologische und geographische Studie zum spätmittelalterlichen Wüstungsgeschehen in Lippe (Veröffentlichungen der Altertumskommission für Westfalen, 10), Münster 1995, S. 58f., 77, 125ff., 167.</ref> | Die '''Einzelhofsiedlung Wilbasen''', der frühere Meierhof Stork, liegt südlich der heutigen Bundesstraße 1, der früheren "Cöllnischen Landstraße", etwa 2 km westlich der Stadt Blomberg. Östlich verläuft der Hainbach, früher "Wilbaser Beke", ein nördlicher Zufluss des Königsbaches. Westlich führt ein alter Hohlweg in nord-südlicher Richtung an der Hofstelle vorbei. Nordöstlich des heutigen Hofes hat Willy Gerking durch archäologische Streufunde mit Keramikscherben des 9. bis 14. Jahrhunderts eine Wüstung lokalisiert.<ref>Willy Gerking, Die Wüstungen des Kreises Lippe. Eine historisch-archäologische und geographische Studie zum spätmittelalterlichen Wüstungsgeschehen in Lippe (Veröffentlichungen der Altertumskommission für Westfalen, 10), Münster 1995, S. 58f., 77, 125ff., 167.</ref> | ||
Die '''Wilbaser Kapelle''' lag mit einem umgebenden Kirchhof an der nordwestlichen Ecke des Meierhofes Stork. Hier ist sie in der Flurkarte der Feldmark Blomberg des Landmessers Friemel von 1750 als Ruine eingezeichnet. Schon seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts wurde die Kapelle abgebrochen, die Steine wurden zum Wegebau verwendet. Nach wenigen Bauteilen, die 1878 ausgegraben wurden und eingemauert an der Scheune des Hofes Stork/Tippenhauer erhalten blieben (Schlussstein mit Lamm Gottes, heute in der Kirche Reelkirchen, mehrere gotische Gewölberippen) war die Kapelle ein wohl einschiffiger, spätgotischer Bau mit Kreuzrippengewölben (vgl. die Zeichnungen von Dewitz 1880 in der Landesbibliothek), doch sind die Anzahl der Joche und die Art des Chorabschlusses unbekannt. | Die '''Wilbaser Kapelle''' lag mit einem umgebenden Kirchhof an der nordwestlichen Ecke des Meierhofes Stork. Hier ist sie in der Flurkarte der Feldmark Blomberg des Landmessers Friemel von 1750 als Ruine eingezeichnet. Schon seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts wurde die Kapelle abgebrochen, die Steine wurden zum Wegebau verwendet. Nach wenigen Bauteilen, die 1878 ausgegraben wurden und eingemauert an der Scheune des Hofes Stork/Tippenhauer erhalten blieben (Schlussstein mit Lamm Gottes, heute in der Kirche Reelkirchen, mehrere gotische Gewölberippen) war die Kapelle ein wohl einschiffiger, spätgotischer Bau mit Kreuzrippengewölben (vgl. die Zeichnungen von Dewitz 1880 in der Landesbibliothek), doch sind die Anzahl der Joche und die Art des Chorabschlusses unbekannt. Der Bau hatte gotisch profilierte Gewölberippen und runde Wanddienste, Gaul vermutet einemn polygonalen Chorabschluss.<ref>Ohtto Gaul, Detmold-Land, Manuskript um 1960, S. 664ff.</ref> | ||
==Verwaltungszugehörigkeit== | ==Verwaltungszugehörigkeit== | ||
| Zeile 29: | Zeile 29: | ||
Der in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts erstmals erwähnte Ort Wilbasen war Sitz eines Freistuhles, eines Freigerichtes, an dem vom Kaiser ernannte Freigrafen Recht sprachen.<ref>Zum Folgenden vgl. Burkhard Meier, Kirchen, Klöster, Mausoleen. Die Grabstätten der Häuser Lippe und Schaumburg-Lippe, Leopoldshöhe/Bielefeld 1996, S. 19-22; Karl-Ferdinand Beßelmann, Stätten des Heils, Münster 1998, S. 95-99.</ref> Noch bis zum Ende des 16. Jahrhunderts tagte das Freigericht regelmäßig unter einer Eiche auf dem Meierhof Stork, dann wurde es in den sog. Wilbasensaal, den kleinen Saal im Blomberger Rathaus, verlegt. | Der in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts erstmals erwähnte Ort Wilbasen war Sitz eines Freistuhles, eines Freigerichtes, an dem vom Kaiser ernannte Freigrafen Recht sprachen.<ref>Zum Folgenden vgl. Burkhard Meier, Kirchen, Klöster, Mausoleen. Die Grabstätten der Häuser Lippe und Schaumburg-Lippe, Leopoldshöhe/Bielefeld 1996, S. 19-22; Karl-Ferdinand Beßelmann, Stätten des Heils, Münster 1998, S. 95-99.</ref> Noch bis zum Ende des 16. Jahrhunderts tagte das Freigericht regelmäßig unter einer Eiche auf dem Meierhof Stork, dann wurde es in den sog. Wilbasensaal, den kleinen Saal im Blomberger Rathaus, verlegt. | ||
Heiligabend 1398 stifteten Simon III. und Bernhard VI. zur Lippe einen Altar des Evangelisten Johannes in der Wilbaser Kapelle, einer Filiale der Kirche in Reelkirchen, und statteten diesen mit Besitz aus. 1400 wird eine Marienkapelle zu ''Wilbodessen'' erwähnt. Möglicherweise wurde schon vor 1400 ein Sohn Simons III., Otto, in Wilbasen beigesetzt, doch war zu dieser Zeit noch die Marienkirche in Lemgo Grablege der Edelherren zur Lippe. Nach Johannes Piderit (''Chronicon Comitatus Lippiae'', Rinteln 1627) soll die Kapelle Ende des 14. Jahrhunderts von der Gemahlin Simons III. wegen einer schweren Hautkrankheit Simons zu Ehren der Jungfrau Maria gestiftet worden sein. Die Kapelle soll auf eine wundertätige Marienfigur zurückgehen, die an einem Feldweg nach Istrup gestanden haben soll, das Flurstück heißt noch heute "Auf unserer lieben Frau". Die Wilbaser Kapelle, in der neben dem Maria geweihten Hauptaltar weitere Altäre für den Evangelisten Johannes und die Apostel Petrus und Paulus sowie für die Heiligen Antonius und Katharina standen, entwickelte sich schon bald zu einer beliebten Wallfahrtsstätte. Eine spätgotische, aus | Heiligabend 1398 stifteten Simon III. und Bernhard VI. zur Lippe einen Altar des Evangelisten Johannes in der Wilbaser Kapelle, einer Filiale der Kirche in Reelkirchen, und statteten diesen mit Besitz aus. 1400 wird eine Marienkapelle zu ''Wilbodessen'' erwähnt. Möglicherweise wurde schon vor 1400 ein Sohn Simons III., Otto, in Wilbasen beigesetzt, doch war zu dieser Zeit noch die Marienkirche in Lemgo Grablege der Edelherren zur Lippe. Nach Johannes Piderit (''Chronicon Comitatus Lippiae'', Rinteln 1627) soll die Kapelle Ende des 14. Jahrhunderts von der Gemahlin Simons III. wegen einer schweren Hautkrankheit Simons zu Ehren der Jungfrau Maria gestiftet worden sein. Die Kapelle soll auf eine wundertätige Marienfigur zurückgehen, die an einem Feldweg nach Istrup gestanden haben soll, das Flurstück heißt noch heute "Auf unserer lieben Frau". Die Wilbaser Kapelle, in der neben dem Maria geweihten Hauptaltar weitere Altäre für den Evangelisten Johannes und die Apostel Petrus und Paulus sowie für die Heiligen Antonius und Katharina standen, entwickelte sich schon bald zu einer beliebten Wallfahrtsstätte. Eine spätgotische, aus Lindenholz geschnitzte Marienfigur aus der Zeit um 1500 blieb erhalten und befindet sich heute im Lippischen Landesmuseum. Die Kapelle enthielt Grabstäten von drei in der Umgebung ansässigen Adelsfamilien (von Gropendorf, Gröpperhof bei Wellentrup, von Donop, Borkhausen und von Friesenhausen, Maspe) und diente für einige Jahrzehnte auch als Grablege des Hauses Lippe. Die Kapelle wurde mit Schenkungen und Stiftungen reich ausgestattet, neben ihr bestand eine Klause, in der zwei Priester lebten, die in der Kapelle Dienst taten. | ||
Über die Wallfahrt berichtet Piderit 1627 in seiner lippischen Chronik: "Man hat zu unserer Zeit die Krücken und Stäbe, welche die Gebrechlichen zum Zeichen ihrer Gesundheit haben stehen und liegen gelassen, gefunden, wie auch die Hellen und eisern Bande, so die Türcken und andere Tyrannen armen Christen mit Gewalt angelegt, ohne Zutun daselbst sind abgefallen." Aus dem Kirchweihfest der Kapelle, das auf den 10. September fiel, entwickelte sich schon bald der "Wilbaser Markt", ein Jahrmarkt, der bis heute am zweiten Wochenende im September stattfindet und der 1500 erstmals erwähnt wird. Am 10. September 1430 musste die Wilbaser Kapelle durch den Mindener Bischof neu geweiht werden, weil sich der 1429 dort bestattete Simon IV. zur Lippe im Kirchenbann befand. Vielleicht war dieser Umstand der Grund für die Wahl der Kapelle zu Wilbasen (und nicht der Marienkirche in Lemgo) als Grablege durch seine Witwe. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts diente die Kapelle als Grablege der Edelherren zur Lippe. | Über die Wallfahrt berichtet Piderit 1627 in seiner lippischen Chronik: "Man hat zu unserer Zeit die Krücken und Stäbe, welche die Gebrechlichen zum Zeichen ihrer Gesundheit haben stehen und liegen gelassen, gefunden, wie auch die Hellen und eisern Bande, so die Türcken und andere Tyrannen armen Christen mit Gewalt angelegt, ohne Zutun daselbst sind abgefallen." Aus dem Kirchweihfest der Kapelle, das auf den 10. September fiel, entwickelte sich schon bald der "Wilbaser Markt", ein Jahrmarkt, der bis heute am zweiten Wochenende im September stattfindet und der 1500 erstmals erwähnt wird. Am 10. September 1430 musste die Wilbaser Kapelle durch den Mindener Bischof neu geweiht werden, weil sich der 1429 dort bestattete Simon IV. zur Lippe im Kirchenbann befand. Vielleicht war dieser Umstand der Grund für die Wahl der Kapelle zu Wilbasen (und nicht der Marienkirche in Lemgo) als Grablege durch seine Witwe. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts diente die Kapelle als Grablege der Edelherren zur Lippe. | ||
| Zeile 37: | Zeile 37: | ||
Nach der Gründung des Augustiner-Chorherrenstifts "Zum Heiligen Leichnam" in Blomberg 1468 entzog Edelherr Bernhard VII. der Kapelle in Wilbasen seine Gunst und verlegte die Grablege seiner Familie 1495 in die Klosterkirche nach Blomberg. In der Folge wurde die Wilbaser Kapelle dem Kloster inkorporiert, das künftig für die Unterhaltung der Kapelle, ihrer Ausstattung, der zugehörigen Klause und des Priesterhauses sowie aller Nebengebäude und des Kirchhofes verantwortlich war. | Nach der Gründung des Augustiner-Chorherrenstifts "Zum Heiligen Leichnam" in Blomberg 1468 entzog Edelherr Bernhard VII. der Kapelle in Wilbasen seine Gunst und verlegte die Grablege seiner Familie 1495 in die Klosterkirche nach Blomberg. In der Folge wurde die Wilbaser Kapelle dem Kloster inkorporiert, das künftig für die Unterhaltung der Kapelle, ihrer Ausstattung, der zugehörigen Klause und des Priesterhauses sowie aller Nebengebäude und des Kirchhofes verantwortlich war. | ||
Um 1504 wurde in der früheren Klause bei der Kapelle ein Siechenhaus, also ein Leprosenhaus, eingerichtet, das 200 Jahre später von der Stadt Blomberg übernommen wurde. Die Wallfahrt ging auch nach der Reformation noch weiter - auch Protestanten glaubten an Wunderheilungen. Doch im Verlauf des 17. Jahrhunderts ließ die Wallfahrtsaktivität nach und Anfang des 18. Jahrhunderts war die Kapelle in Verfall geraten; 1708 war sie bereits Ruine und der Bauerrichter ließ die Straße nach Herrentrup mit Steinen der Kapelle ausbessern. Schon 1643 hatte ein Sturm das Dach der Kapelle beschädigt und 1688 brach der Meier zu Siebenhöfen "Fenstergewölbesteine" heraus, um sie auf seinem Hof zu verwenden. Eine Zeichnung des Meierhofes Stork auf einer Flurkarte der Blomberger Feldmark des Landmessers Friemel von 1750 zeigt die Ruine der Kapelle am nördlichen Rand des Hofes; später wurde sie ganz abgebrochen. An ihrer Stelle befindet sich heute ein Erbbegräbnis der Besitzerfamilie Tippenhauer (ab 1909). Ein Schlussstein mit dem Lamm Gottes und einige Stücke von Gewölberippen waren 1878 am Standort der Kapelle ausgegraben worden und bis vor etwa 30 Jahren an der Scheune des Hofes Stork/Tippenhauer eingemauert; heute befindet sich der Schlussstein mit dem "Agnus Dei" in der Kirche in Reelkirchen. | |||
Der '''Wilbaser Markt''', ein überregional bekannter Kram- und Viehmarkt, heute vor allem ein großer Rummelplatz mit Fahrgeschäften, findet bis heute an jedem zweiten Septemberwochenende auf dem Festplatz an der B 1 statt. | Der '''Wilbaser Markt''', ein überregional bekannter Kram- und Viehmarkt, heute vor allem ein großer Rummelplatz mit Fahrgeschäften, findet bis heute an jedem zweiten Septemberwochenende auf dem Festplatz an der B 1 statt. | ||