Friedrich-Petri-Straße 5 (Lage)

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Friedrich-Petri-Straße 5 (Lage)
OrtsteilLage (Kernstadt)
StraßeFriedrich-Petri-Straße (Lage)
Hausnummer5
Karte
Adressbuch von 1901Nein

Sogenannte "Alte Burg", ehemaliges Vogteigebäude von 1618 (d), ältester Fachwerkbau in der Kernstadt von Lage mit einer Lohgerberei von 1871, beide Gebäude 2004 abgebrochen. Kritiker werfen der Stadt Lage vor, jahrelang nichts zur Sicherung und Erhaltung des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes unternommen zu haben. 2014-17 wurden erhaltene Mauerreste und Fußböden der beiden Gebäude im Gelände freigelegt und als archäologische Stätte zugänglich gemacht.[1]

Lage, "Alte Burg" um 1920. Stadtarchiv Lage
Lage, Lange Straße und "Freier Hof" um 1858 (Norden oben). Die heutige Kreuzung mit Friedrich-Petri-Straße und Stauffenbergstraße ist gestrichelt eingezeichnet. Zeichnung: Stiewe 1992 nach Peter 1960
Lage, Herrschaftliche Mühle und "Freier Hof" an der Chaussee nach Oerlinghausen, 1858 (Norden unten rechts; nach Peter 1960, 130)
Lage, Friedrich-Petri-Str. 5, "Alte Burg". Südostgiebel, Bestand 1985. Aufmaß und Zeichnung: Stiewe 1985 (nach Stiewe 1992)
Lage, "Alte Burg", Südost-Giebel, Zustand zur Bauzeit 1618 (d), Rekonstruktion: Aufmaß und Zeichnung: Stiewe 1985 (nach Stiewe 1992)

Geschichte

Das relativ große Grundstück nördlich der Langen Straße am rechten Ufer der Werre wird in älteren Katastern als "Freier Hof" bezeichnet und war bis ins 18. Jahrhundert in landesherrlichem Besitz, in unmittelbarer Nachbarschaft befand sich die ehemalige landesherrliche Wassermühle (abgebrochen in den 1960eer Jahren). Die verkehrsgünstige Lage in der Nähe eines alten Flussübergangs über die Werre am westlichen Rand des Siedlungskerns von Lage spricht für die Annahme, hier die urkundlich nachgewiesene "Burg zur Lage" zu lokalisieren. 1984 legten Mitglieder der Arbeitsgruppe Natur- und Denkmalschutz im Lippischen Heimatbund, Ortsverein Lage, mit fachlicher Unterstützung des Lippischen Landesmuseums Detmold (Dr. Friedrich Hohenschwert) einen Grabugsschnitt an, bei dem ein mittelalterlicher Graben angeschnitten wurde, der nach den gefundenen Scherben im 15.-17. Jahrhundert verfüllt worden ist. Dieser Graben ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der spätmittelalterlichen Burganlage zuzuordnen.

Die Burg von Lage wird in mittelalterlichen Urkunden als "Haus zur Lage" oder als "Steinwerk" bezeichnet; demnach handelte es sich um die Kleinform einer befestigten Anlage, ein steinernes "Festes Haus", das von dem archäologisch nachgewiesenen Wassergraben umgeben war. Historischen Nachrichten zufolge wurde 1395 von Henrich Waltering, genannt Quaditus oder Quaditz, mit Billigung des Landesherrn Simon III. zur Lippe ein "Steinwerk" erbaut. Dieser hatte seinem Gefolgsmann Waltering das Dorf Lage verpfändet; später kam das Zollrecht hinzu. In der Eversteinschen Fehde (1404-1409) wurde die Burg eingenommen und beschädigt, aber wohl nicht völlig zerstört. Als Amtmänner oder Vögte verwalteten Angehörige der Familie Quaditz über mehrere Generationen die Vogtei Lage innerhalb des größeren Amtes Detmold. 1532 wurde die Familie von Barkhausen mit dem "Haus" und der Mühle in Lage belehnt; nach dem Tode des letzten Lehnsnehmers fiel das Lehen an den Landesherrn zurück. Dieser nutzte es in den folgenden Jahrhunderten als Amtssitz und Wohnung für die Vögte der Vogtei Lage. Zu diesem Zweck enstand 1618 (d) der bis 2004 erhaltene Neubau auf dme jetzt "Freier Hof" genannten Grundstück. 1716 erwarb der Amtsvogt Hermann Henrich Brandt das Bürgerrecht des Fleckens Lage und wenig später auch das Vogteigebäude von Graf Friedrich Adolph zur Lippe. Es wurde weiter als "Freier Hof" bezeichnet und blieb wie ein städtischer Adelshof "eximiert", d. h. von der Kontributionspflicht der anderen Hausstätten in Lage ausgenommen.

Gebäude

Das Fachwerkgebäude (abgebrochen 2004) wurde 1985 von Heinrich Stiewe im Auftrag des Ortsvereins Lage im Lippischen Heimatbund aufgemessen und bauhistorisch untersucht.[2]

Freistehender Fachwerkbau von 10 Fachen (11 Gebinden), dendrochronologisch datiert 1618 (d). Schmaler Wandständerbau (Grundfläche: 9,3 x 19,6 m) mit eingehälsten Deckenbalken und Sparrenschwellen (Oberrähmen), darauf ein Sparrendach mit zwei Kehlbalkenlagen und Spitzständern in den Giebeln. Im Wandfachwerk gabe es lange, über die Riegel geblattete Fußstreben (rechte Traufwand). Zweistöckige Giebel, im unteren Stockwerk Fachwerk, oben verbrettert, auf kleinen Stichköpfen vorgekragt. Im Vordergiebel waren bauzeitliche Backsteinausfachungen mit Ziermustern erhalten (vgl. Giebelansicht, Rekonstruktion).

Trotz zahlreicher späterer Umbauten und Erweiterungen konnte die Bau- und Raumstruktur des Ursprungsbaus von 1618 (d) vollständig rekonstruiert werden (vgl. Grundriss, Rekonstruktion): Anstelle der zuletzt vorhandenen Haustür im Vordergiebel (Südost-Giebel) bestand ein großes Dielentor, die breiten Torständer waren noch erhalten. Das Tor führte auf eine hohe, aber nur etwa 4 m breite Diele, die sich in der Mitte des Hauses zu einer großen, vier Fache langen Flettküche erweiterte; dahinter lag ein drei Fach langer, kaminbeheizter Saal.

In der vorderen rechten Hausecke befand sich ein nur geringfügig eingetiefetr Keller mit Balkendecke und ca. 55 cm starken Bruchsteinmauern mit drei quadratischen Kellerfenstern mit eiserner Vergitterung (das Kellermauerwerk blieb beim Abbruch erhalten und wurde 2014-17 konserviert). Über dem Keller lag eine geräumige Stube mit großen, ursprünglich bleiverglasten Fenstern, die ein Fensterband am Südostgiebel bilden und zwei Fenstern an der Nordostseite. Diese Stube mit einer anschließenden Schlafkammer war vermutlich die Wohn- und Amtsstube des Vogtes der Vogtei Lage.

Hinter diesem unterkellerten Einbau weitete sich die Diele zu einer hausbreiten Flettküche von drei Fachen mit einem mächtigen Herdkamin aus Bruchsteinmauerwerk in der hinteren Querwand. Es ist anzunehmen, dass diese Küche seitliche Ausgänge und große bleiverglaste Fenster in den Traufwänden besaß, ähnlich dem Flett eines Bauernhauses. Hinter der Querwand lag ursprünglich ein drei Fache langer, dielenhoher Saal, der durch einen kleineren Kamin an der Rückseite des Küchenkamins beheizt werden konnte. Beide Kamine besaßen schlichte, abgerundete und scharrierte Kragsteine ohne weitere Dekorationselemente. Kaminstürze und Rauchfänge waren nciht mehr vorhanden. Ursprünglich endete der Rauchabzug als "halber Schornstein" auf dem Dachboden - Dachsparren und -latten wiesen eine starke Rußschwärzung auf. Die Deckenbalken über Küche und Saal wurden durch kräftige, an den Kanten gefaste Mittelunterzüge unterstützt.

Damit entspricht dieses Haus dem Bautyp des städitschen Dielenhauses mit rückwärtigem Saal, wie es in westfälischen und lippischen Städten wie Lemgo, Salzuflen oder Detmold vielfach anzutreffen ist. Die Annahme, dass mit dem bruchsteinernen Kamin oder dem Kellermauerwerk Teile der mittelalterlichen Burg erhalten geblieben waren, konnte durch die Bauuntersuchung nicht bestätigt werden. Keller und Kaminanlage sind originäre Bestandteile des Dielenhauses von 1618 (d).

1769 (Datierung über einer Tür an der Nordostseite) wurde am rückwärtigen (nordwestlichen) Giebel ein kleinerer Fachwerk-Anbau von drei Fachen angefügt, der vermutlich Stallungen oder Wirtschaftsräume erhielt.

Weitere Umbauten erfolgten im 18. bis 20. Jahrhundert: Zunächst wurden im hinteren, linken Bereich der großen Kaminküche zwei Stuben oder Kammern eingebaut, die nach den verwendeten Füllungstüren in die Mitte des 18. Jahrhunderts datiert werden können. Im 19. Jahrhundert fügte man an der linken (südwestlichen) Traufwand eine Abschleppung an, die eine weitere Stube und Kammer enthielt. Damit wurde die alte Diele zum Hausflur; das Dielentor wurde durch eine zweiflügelige Haustür ersetzt. Danach wurde der frühere Saal aufgegegeben und zu einer Querdiele umfunktioniert, dazu baute man einen Torbogen (ohne Inschrift) in der nordöstlichen Traufwand ein. Auch dieser Torbogen wurde später wieder geschlossen und durch eine kleine Außentür ersetzt.

Im 20. Jahrhundert wurden noch einige Toiletten und ein kleines Badezimmer hinzugefügt. In diesem Zustand wurde das Haus noch bis 1986 vermietet und bewohnt.

1871 (gemalte Jahreszahl auf einem Sandstein-Türsturz) wurde links von dem Fachwerkbau ein zweigeschossiges Werkstattgebäude mit einem Bruchsteinuntergeschoss und einem Backsteinobergeschoss erbaut, das als Lohgerberei genutzt wurde. Das Gebäude besaß einen vierkantigen Industrieschornstein aus Backstein. Vier Gerbgruben wurden 2014-17 in den freigelegten Grundmauern des 2004 abgebrochenen Gebäudes gefunden und mit Metallgittern gesichert.

Inschriften

Altbau des Vogteigebäudes von 1618 (d) ohne Inschriften (Torsturz nicht erhalten), rückwärtiger Anbau mit Datierung "1786" auf einem Türsturz an der nordöstlichen Traufseite.

Lohgerberei: Gemalte Jahreszahl "1871" auf einem Sandstein-Türsturz.

Eigentümer*innen, Bewohner*innen

Literatur

  • August Wilhem Peter, Pflug im Wappen: Lage in Lippe. Kirchdorf, Weichbild, Stadt. Eine siedlungskundliche Untersuchung (Sonderveröffentlichungen des Naturwissenschaftlichen und Historischen Vereins für das Land Lippe; Bd. 14), Detmold 1960
  • Heinrich Stiewe: "Alte Burg" und "Freier Hof" in Lage. Zur Bau- und Nutzungsgeschichte eines ungewöhnlichen Fachwerkhauses, in: Heimatland Lippe 85 (1992), S. 242-248.[3]
  • Margarete Wißmann: Die „Alte Burg“ früher und heute, in: Historisches Jahrbuch Lage, 2017, S. 24-55.

Quellen

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Margarete Wißmann: Die „Alte Burg“ früher und heute, in: Historisches Jahrbuch Lage, 2017, S. 24-55; https://www.lz.de/lippe/lage/20830403_Bei-der-Restaurierung-der-Alten-Burg-legen-Arbeiter-wertvolles-Relief-frei.html
  2. Zum Folgenden vgl. Stiewe, Heinrich: "Alte Burg" und "Freier Hof" in Lage. Zur Bau- und Nutzungsgeschichte eines ungewöhnlichen Fachwerkhauses, in: Heimatland Lippe 85 (1992), S. 242-248.
  3. Digitalisat: https://s2w.hbz-nrw.de/llb/periodical/pageview/5971843

Autor*innen

Heinrich Stiewe

Seitenhistorie

Seite erstellt am 30.08.2026 von Heinrich Stiewe

Letzte Änderung am: 30.08.2026 von Heinrich Stiewe