Neue Torstraße 14 (Blomberg)
| Neue Torstraße 14 (Blomberg) | |
|---|---|
| Ortsteil | Blomberg (Kernstadt) |
| Straße | Neue Torstraße (Blomberg) |
| Hausnummer | 14 |
| Karte | |
| Adressbuch von 1901 | Ja |
| Gemeinde | Blomberg |
| Straße | Neue Torstraße |
| Hausnummer | 14 |
| Ergänzte Hausnummer | 042 |
Alte Hausnummer 42. Große bürgerliche Hausstätte, das ca. 17 m breite Grundstück reicht bis zur rückwärtigen Schulstraße und hatte ursprünglich eine rechtsseitige Durchfahrt zum Hof. Das bestehendes Haus ist ein großes Bürgerhaus von 1560 (d, i), Umbau 1587 (d, i) mit komplexer Besitzergeschichte, bewohnt von Pfarrern, hohen Beamten und Kaufleuten.









Geschichte
Die großbürgerliche Hausstätte in guter Lage an der Neuen Torstraße dürfte bis in die Gründungszeit der Stadt im 13. Jahrhundert zurückreichen.
Rolf vermutet als Erbauer den Blomberger Amtmann Anton Höcker († vor 1597);[1] diese Annahme muss nach dem Fund einer Skizze von Emil Zeiß von etwa 1875 korrigiert werden:[2] Unter der damaligen Adresse des Hauses „Bl[omberg] No. 42, Paulsen“ skzzierte Zeiß einen heute nicht mehr vorhandenen Torbogen von 1587 (Skizzenbuch 23, ca. 1875-77). Außerdem notierte er zu diesem Haus eine unvollständig überlieferte lateinische Inschrift, die ebenfalls nicht mehr erhalten ist (s. unter Inschriften). Mit diesen überraschenden Funden in dem Skizzenbuch von Emil Zeiß konnte der Bauherr des Hauses von 1560 identifiziert werden und seine weitere Besitzergeschichte im 16. Jahrhundert rekonstruiert werden.
Die Inschrift enthält die Datierung Dezember 1560 (TER QVINGENTOS ET SEXAGINTA DECEMBRES), die mit dem Dendrodatum aus dem Dachwerk übereinstimmt. Der erwähnte Justus (auch Jobst oder Jodocus) Piderit, latinisiert zu Pideritius, war ein Sohn von Mauritz Piderit, dem ersten lutherischen Pfarrer an der Altstädter Kirche St. Nicolai in Lemgo und war von 1557 bis zu seinem Tod 1584 lutherischer Pfarrer in Blomberg. Er war der Vater und Amtsvorgänger des Blomberger Pfarrers Johannes Piderit (1559-1637, amt. 1584-1628), dem Verfasser der 1627 in Rinteln gedruckten „Chronik der Grafschaft Lippe“ (Chronicon Comitatus Lippiae). Nach dieser Inschrift war also Justus Piderit und nicht Johann Höcker der Erbauer des Hauses.
Der von Zeiß außerdem skizzierte Torbogen zeigt reiche Spätrenaissance-Ornamentik (Eierstab, umlaufende Akanthusblätter) und die Datierungsinschrift: · 1 · 5 87 · Seitlich (auf den Torkopfbändern) sind Wappen in Rollwerkkartuschen angedeutet; links (heraldisch rechts) ein Tier mit einem Stab im Maul, rechts eine Kralle oder Tatze. Diese Motive können als Wappen der Familie Höcker (Otter, nach dem belegten Beinamen „Otterjeger“, vgl. Langer Steinweg 12, Kamin mit Wappen) und von Hoya (Bärentatze) identifiziert werden.[3] Sie beziehen sich auf Franz Höcker, Amtmann in Barntrup und Sohn des Blomberger Amtmanns Johann Höcker (den Rolf als Bauherrn angenommen hatte), der um 1586 Anna von der Hoya aus Minden, eine illegitime Nachfahrin der Grafen von Hoya, geheiratet hatte. Dieser Torbogen, der schon Ende des 19. Jahrhunderts beseitigt worden ist, lässt auf einem größeren Umbau des 1560 erbauten Hauses schließen, den Franz Höcker 1587 kurz nach seiner Heirat mit Anna von der Hoya durchführen ließ. Möglicherweise hat Franz Höcker das Haus nach dem Tode des in der älteren Inschrift genannten Erbauers Justus Piderit 1584 erworben und 1587 umbauen lassen. Nach Rolf kam das Haus später erneut in den Besitz der Familie Piderit, als 1689 Johann Piderit, Sohn des Blomberger Bürgermeisters Hermann Piderit, einheiratete.[4]
Gebäude
Großes dreischiffiges Dielenhaus von 1560 (d) mit Mitteldiele und rückwärtigem Saalteil über Tonnengewölbekeller, Spitzsäulendachwerk mit zweitem Dachboden und früherem Aufzugrad über der Diele.[5] Auf Stichbalken vorkragender Fachwerkgiebel mit Backsteinausfachungen in Zierverbänden, mittige Spitzsäule oben mit Zapflöchern eines ehemaligen Giebelpfahls. An den Ständerfüßen sind Reste von geschnitzten Fächerrosetten erkennbar, die wohl ehemals auf dreieckigen Fußbändern angebracht waren (vgl. Burg, Nordflügel, 1567 und Brinkstr. 4, 1571). Die moderne Datierung ANNO 1587 am Giebel bezieht sich auf einen Umbau, bei dem das Haus einen neuen Torbogen erhielt (nicht erhalten).
Vierständerbau von neun Fachen (10 Gebinden) mit aufgelegten Deckenbalken. Wandständer in Längs- und Querrichtung mit großen, tief gekehlten Kopfbändern verstrebt. Mächtiges Spitzständerdach mit zwei Kehlbalkenlagen (zwei Lagerböden), Stuhlrähme mit gefasten Ständern unterstützt, Lagerblöcke eines früheren Aufzugrades über der Bodenluke im 3. Fach.
Dreischiffiges Dielenhaus mit hausbreitem Hinterhaus von zwei Fachen mit Saal und Nebenkammer über nur gering eingetieftem Tonnengewölbekeller aus Bruchstein. Breite Mitteldiele von sechs Fachen mit schmalem Seitenschiff links (ursprüngliche Stallnutzung?) und breiterem Seitenschiff mit straßenseitiger Stube und anschließender Kammer. Rundbogensturz einer Stuben- oder Kammertür im Haus erhalten. Am Ende der Diele großzügiger Herdraum (Flett) mit beidseitigen dielenhohen Luchten unter verstärkten Rähmen mit Kopfbändern. Ursprüngliche Herdstelle nicht erhalten, möglicherweise offener Kamin.
Anbau einer zweistöckigen Utlucht mit Biberschwanzdeckung um 1840. Zweigeschossiger Durchbau der Diele im 19. Jahrhundert, Fassade im Erd- und Zwischengeschoss im späten 19. Jahrhundert massiv erneuert, Torbogen beseitigt.
Inschriften
Ein im Lippischen Landesmuseum Detmold befindliches Skizzenbuch von Emil Zeiß (1833-1908, Skizzenbuch 23, um 1875-77) überliefert zwei nicht mehr vorhandene Inschriften am Haus "B(lomberg) No. 42, Paulsen":[6]
POST TER QVINGENTOS ET SEXAGINTA DECEMBRES CVMME GOT IST [...] IVSTVS PIDERITIVS / ANNVS AB ENIXA VIRLINIS [virginis?] SFXTV [...] BAT. [...]OVI . CHR[...] HAC PRÆCO FIDVS · IN · [...] Der unvollständige und offensichtlich fehlerhafte lateinische Text ist nur schwer zu übersetzen: „Nach dreimal fünfhundert und sechzig Dezembers mit mir [deutsch: Gott ist ...] Iustus Pideritius / Im sechsten (?) Jahr seit Geburt der Jungfrau [...] dieser treue Herold in [...]“
Diese lateinische Inschrift befand sich offenbar am Giebelbalken der Fassade, die enthaltene Datierung Dezember 1560 (TER QVINGENTOS ET SEXAGINTA DECEMBRES) stimmt mit den Dendrodaten aus dem Dachwerk überein.
Ein reicher, im Stil der Spätrenaissance dekorierter Torbogen trug die Datierung: . 1 . 5 8 . 7 . Dieser Torbogen wurde bei einem Umbau des Hauses 1587 eingefügt. Seitlich (auf den Torkopfbändern) sind Wappen in Rollwerkkartuschen angedeutet; links (heraldisch rechts) ein Tier mit einem Stab im Maul, rechts eine Kralle oder Tatze. Diese Motive können als Wappen der Familie Höcker (Otter, nach dem belegten Beinamen „Otterjeger“, vgl. Langer Steinweg 12, Kamin mit Wappen) und von Hoya (Bärentatze) identifiziert werden. Sie beziehen sich auf Franz Höcker, Amtmann in Barntrup und Sohn des Blomberger Amtmanns Johann Höcker (den Rolf als Bauherrn angenommen hatte), der um 1586 Anna von der Hoya aus Minden, eine illegitime Nachfahrin der Grafen von Hoya, geheiratet hatte.
Der Inschriftbalken von 1560 und der Torbogen von 1587 wurden bei der massiven Erneuerung der Fassade um 1900 beseitigt.
Eigentümer*innen, Bewohner*innen
1560 Hausbau: Nach der von Emil Zeiß überlieferten lateinischen Inschrift wurde das Haus im Dezember 1560 (TER QVINGENTOS ET SEXAGINTA DECEMBRES) von IVSTVS PIDERITIVS, Jobst oder Jodocus Piderit (latinisiert zu Justus Pideritius) erbaut. Justus Piderit war ein Sohn von Mauritz Piderit, dem ersten lutherishen Pfarrer in Lemgo und amtierte von 1557 bis zu seinem Tod 1584 als lutherischer Pfarrer in Blomberg. Er war der Vater und Amtsvorgänger des Blomberger Pfarrers Johannes Piderit (1559-1637, amt. 1584-1628), des Verfassers der 1627 zu Rinteln gedruckten "Chronik der Grafschaft Lippe" (Chronikon Comitatus Lippiae).[7]
1584 Nach dem Tod von Justus Piderit erwirbt Franz Höcker, Amtmann in Barntrup und Sohn des Blomberger Amtmannes Johann Höcker (den Rolf als Bauherrn angenommen hatte), das Haus. Um 1586 heiraten Franz Höcker und Anna von der Hoya, eine illgitime Nachfahrin der Grafen von Hoya.[8]
1587 Umbau des Hauses durch Franz Höcker, genannt Otterjeger (Otter im Wappen) und Anna von der Hoya (Bärentatze im Wappen) und lassen einen neuen Torbogen mit der Jahreszahl 1587 reicher Spätrenaissance-Dekoration (Eiertab, umlaufende Akanthusblätter) einbauen, der durch eine weitere Skizze von Emil Zeiß überliefert ist.
Weitere Besiztergeschichte nach Rolf 1996:[9]
1596 Tochter Gertrud Höcker, Heirat mit Amtmann Hans Schneidewind
1638 Sel. Schneidewindschen Erben.
Um 1650 Anna Höcker, Tochter von Johann Höcker aus Nr. 276 (Langer Steinweg 1), Heirat mit Leutnant und Ratsbeisitzer Martin Pistor "aus dem Land Franken" (+ vor 1697).
1689 Tochter Anna Elisabeth Pistor (1664-1737), Heirat mit Hans Jürgen (Johann) Piderit (1661-1725), Kaufmann und Sohn des Blomberger Bürgermeisters Hermann Piderit im Haus Nr. 1 (Marktplatz 6).[10]
1726 Braugerechtigkeit der Witwe Piderit.
1726 Tochter Amelia Elisabeth Piderit (1703-1743), Heirat mit Hans Henrich Bruns (1689-1728)aus Vahlbruch im Amt Polle (Bürgerrecht 1726).
1729 Amelia Elisabeth, geb. Piderit, 2. Heirat mit Jürgen Henrich Witte (ca. 1696-1759, Bürgerrecht 1729).
1743 Kaufmann Henrich Hermann Nasse (1716-1756, Bürgerrecht 1742) aus Bielefeld, 1742 Heirat mit Dorothea Maria Elisabeth Sobbe (1721-1747), 2. Heirat 1747 Cahtharina Amalia Botterbrodt (1719-1754), 3. Heirat 1756 mit Johannette Wilhelmine Neuhöfer (geb. 1727), 2. Heirat 1759 mit Förster Jäkkele aus Obernkirchen.
1771 Marie Elisabeth Neuhöfer (geb. 1743), Heirat mit Kaufmann Johann Gregorius Schönfeldt (geb. 1743, Bürgerrecht 1769). 1776 (VZ): Kaufmann (Johann Christoph) Gregorius Schönfeld, Sohn von Wilhelm Schönfeld, Rektor der Blomberger Lateinschule. Er bewohnte das Haus mit seiner Familie und einer Magd, 2 Kühe und eine Ziege.
1784 Conrad Christian Holste (1752-1829, Bürgerrecht 1778), Heirat mit Jungfrau Amalia Botterbrodt (1767-1858), bis 1800 7 Kinder.
1841 (VZ): Witwe Hedwig Holste, Einlieger Christoph Pohl, Nachtwächter (1799-1843).
1868 (GV): Erwerb durch Ernst Paulsen, Wein- und Spirituosenhändler (1829-1899, Bürgerrecht 1868) von Gut Nassengrund das Haaus für 7.200 Mark, Heirat mit Gustave Bertha Emilie Wilckens aus Schwalenberg.
1901 (AB):
1904 Barbier Fritz Sander (geb. 1872, Bürgerrecht 1904), Heirat mit Wilhelmine Heitecker.
1926 (AB, S. 567): Neue Torstraße 14, Sander, Fritz, Friseur. Heithecker, Wilhelmine, Wwe.
Literatur
Heinz Walter Rolf, Blomberg. Geschichte - Bürger - Bauwerke, Blomberg 1981, S. 118.
Heinz-Walter Rolf, Die Bürger der Stadt Blomberg. Namen - Daten - Berufe - Häuser. 1525–1910, Blomberg 1996.
Heinrich Stiewe, Hausbau und Sozialstruktur in einer niederdeutschen Kleinstadt. Blomberg zwischen 1450 und 1870 (Schriften des Westfälischen Freilichtmuseums Detmold – Landesmuseum für Volkskunde; 13), Detmold 1996, S. 312ff.
Heinrich Stiewe, „Bernhardiner-Bauten“. Häuser und Höfe von Nachfahren Bernhards VII. zur Lippe aus dem 16. bis frühen 18. Jahrhundert, in: Wolfgang Bechtel, Margit Lenniger, Roland Linde und Nicolas Rügge (Hg.), Bürgerliche und bäuerliche Nachkommen Bernhards VII. zur Lippe (1428-1511) bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts (Beiträge zur westfälischen Familienforschung 69, 2011), Münster 2013, S. 40-73.
Heinrich Stiewe, Blomberger Inschriften des 15. bis 18. Jahrhunderts, in: Hiram Kümper (Hg.), Miscellanea Blombergense, Bielefeld 2015, S. 152-217.
Quellen
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Heinz-Walter Rolf, Die Bürger der Stadt Blomberg. Namen - Daten - Berufe - Häuser. 1525–1910, Blomberg 1996, S. 27.
- ↑ Zum Folgenden: Stiewe, Bernhardiner-Bauten, S. 46ff. sowie Stiewe, Blomberger Inschriften 2015, S. 211ff.
- ↑ Stiewe, wie vorige Anm.
- ↑ Heinz-Walter Rolf, Die Bürger der Stadt Blomberg. Namen - Daten - Berufe - Häuser. 1525–1910, Blomberg 1996, S. 27.
- ↑ Stiewe, Hausbau 1996, S. 312ff.
- ↑ Stiewe, Blomberger Inschriften (wie vorige Anm.).
- ↑ Deutsches Geschlechterbuch 72, 1931, S. 268.
- ↑ Bechtel u.a., Bernhard VII. (2013), S. 188 und 189f.; zu den Besitzverhältnissen des Hauses s. dagegen Stiewe, Bernhardiner-Bauten (2013), S. 46ff.
- ↑ Heinz-Walter Rolf, Die Bürger der Stadt Blomberg. Namen - Daten - Berufe - Häuser. 1525–1910, Blomberg 1996, S. 27.
- ↑ Wehlt, Bürgerbuch (1974), Nr. 818; Rolf, Bürger (1996), S. 27; vgl. Deutsches Geschlechterbuch 72 (1931), S. 288.
Autor*innen
Seitenhistorie
Seite erstellt am 06.08.2026 von Heinrich Stiewe
Letzte Änderung am: 06.08.2026 von Heinrich Stiewe