Orpingstraße 44 (Lemgo)
OrtsteilLemgo (Kernstadt)
StraßeOrpingstraße (Lemgo)
Hausnummer44
Karte
QuartiersnummerHB 81
Adressbuch von 1901Ja
GemeindeLemgo (Kernstadt)
StraßeOrpingstraße
Hausnummer044

Ein Fachwerkhaus dessen Kern vermutlich dem 16. Jahrhundert entstammt und 1899 umgebaut wurde. Ursprünglich als Teil der Heilig-Geist-Bauerschaft (Abkürzung: H.B./H.G.B.) Nr. 81 geführt, später als Orpingstraße Nr. 44. Eintragung in die Denkmalakte der Stadt Lemgo im Jahr 2006.

Geschichte

Die heute recht kleine Hausstätte an der Ecke zur Kohlstraße scheint der Kern eines ehemaligen weitläufigen Anwesens gewesen zu sein, das östlich der Kohlstraße bis zum Stadtwall reichte und vielleicht auch die heutige Orpingstraße Nr. 46 und Nr. 48 umfasste. Noch der Urkatasterplan von 1882 scheint die Struktur deutlich zu zeigen, wobei wenig später das Anwesen aufgeteilt und hierbei entlang der Kohlstraße zu einer Reihe kleiner Hausstätten aufgeteilt worden ist. Das Haus trug im 18. und 19. Jahrhundert die Nummer Heiliggeist-Bauernschaft Nr. 81, unterlag also den städtischen Lasten und musste in der Brandversicherung geführt werden.

Das Haus soll nach einer an unbekannter Stelle befindlichen Inschrift im Jahre 1590 errichtet worden sein. Als damaliger Besitzer wurde Berndt Kruse genannt. Dokumentiert ist dies jedoch nur durch eine, vermutlich von Prof. August Schacht stammende, handschriftliche Notiz in einem im Stadtarchiv Lemgo befindlichen Exemplar des von Otto Preuß stammenden Werkes "Die baulichen Altertümer des Lippischen Landes" aus dem Jahr 1881. (1881 erfolgte die 2. Auflage, Original von 1873)

Das Haus trug im frühen 19. Jahrhundert die Bezeichnung „Michaelis Hof“, wobei der Name auf einen Besitzer in den Jahren um 1800 zurückgeht. Allerdings dürfte sowohl die Bezeichnung „Hof“ wie auch die bislang noch spärlichen Hinweise auf die Besitzer während des 18. Jahrhunderts als Indiz dafür gewertet werden, dass das Haus ehemals Mittelpunkt eines größeren Anwesens war, dass nicht dem handwerklich-bürgerlichen Kreis, sondern hervorgehobenen Kreisen als größerer „Hof“ diente. Dieser Befund spiegelt sich auch in den Überlegungen zur Entwicklung der Hausstätte wieder. Da auch die besondere bauliche Qualität des Kernbaus auf eine besondere Bauherrenschaft hindeutet, könnte es sich um den Mittelpunkt eines großflächigen Anwesens, um einen Hof (eines Adeligen?) handeln. Dessen Haupthaus scheint im Jahre 1590 neu errichtet worden zu sein.

Gebäude

Das Gebäude besteht aus einem eingeschossigen Fachwerkgerüst mit aufgelegten Dachbalken und Sparren mit zwei Kehlbalkenlagen im gebundenen System. Die verwendeten Eichenbalken sind ungewöhnlich stark dimensioniert: die Deckenbalken erhielten einen Querschnitt von 30 x 30 cm und die Ständer sind teilweise bis zu 38 cm breit. Die Sparren sind hingegen aus deutlich schlechterem Holz und aus breitringigen und teilweise nur grob zugerichteten Stämmen geschnitten. Das Hausgerüst wurde zur Aufstellung von hinten nach vorne mit römischen Zahlen durchnummeriert. Ablesbar sind die Zahlen heute nur auf den Sparren der westlichen Seite (keine Bundzeichen auf der Außenseite der einsehbaren linken Traufwand). Dieser Nummerierung zufolge umfasste der Bau insgesamt 8 Gebinde, von denen allerdings die beiden hinteren nicht mehr erhalten sind. Die ursprüngliche Grundfläche dürfte daher eine Länge von 12,6 m (heute 9 m) bei einer Breite von 9,5 m betragen haben. Im Jahr 1807 ist dokumentiert, dass das Haus eine Feuerstelle mit ganzem Schornstein und eine Feuerstelle ohne Schornstein gehabt habe. Selbiges ist auch 1817 verzeichnet.

Das Gerüst wurde zweifach verriegelt und einfach vernagelt und ist – nach den Befunden an der linken Traufwand - regelmäßig an allen Ständern mit paarigen und doppelt vernagelten, recht kurzen Kopfbändern zum Rähm im Längsverband ausgesteift worden. Die Kopfbänder sind etwa 2 cm und die Riegel etwas geringer aus der Bundebene nach innen versetzt verzimmert, möglicherweise ein Hinweis darauf, dass diese Hölzer für den Verputz vorgesehen waren. Die Schwelle des Gerüstes ist nicht erhalten, da der Baugrund später wohl erheblich angeschüttet und hierbei das Gerüst mit einem Sockel aus Bruchsteinen untermauert worden ist. Da die Gefachhöhe des Hauses etwa 115 cm beträgt, dürfte das Niveau des Baugrundes zur Bauzeit etwa 70 cm unter dem heutigen Bürgersteig vor dem Haus gelegen haben. Die innere lichte Höhe unter den Balken hätte damit etwa 4,3 m betragen.

Das vordere Giebeldreieck und die rechte, frei stehende Traufwand sollen über Knaggen vorkragend sein. Hierbei sind am Giebel vier ungewöhnliche Knaggen mit Renaissanceornamenten zu bemerken, an der Traufwand hingegen lediglich einfachere Knaggen. Zur inneren Gliederung des Gebäudes konnten keine Hinweise gewonnen werden, allerdings ist auf Grund der nur mäßigen Breite davon auszugehen, dass es sich nicht um ein dreischiffiges Längsdielenhaus gehandelt hat.

Aufgrund von Baubefunden ist davon auszugehen, dass zu nicht bekannter Zeit, an der linken Traufwand ein Aborterker angebaut worden ist, wobei die Konstruktion der Zarge ist einschließlich zweier Zapflöcher für den Vorbau noch erhalten blieb. Die Höhe des Zugangs lässt darauf schließen, dass er von einem unterkellerten Raum aus zugänglich war. Der Abbruch der hinteren beiden Gefache des Hauses muss vor 1863 erfolgt sein, denn in diesem Jahr wird das Haus schon mit der heutigen Grundfläche beschrieben: Die Maße betrugen 31 x 31 Fuß, was bei etwa 0,29 cm etwa 9 x 9 m entspricht. Bei dieser Veränderung entstand ein neuer Rückgiebel und das Dach erhielt an beiden Giebeln Krüppelwalme.

Ende des 19. Jahrhunderts ist das Haus, genauer 1899 von C. Hummerjohann, einschneidend umgebaut worden. Erhalten blieb hierbei nur das tragende Gerüst aus den Umfassungswänden, der Balkenlage und den Sparren. Die Zwischengeschossbalken wurden entfernt und die Deele in mehrere Zimmer unterteilt. Der gesamte Innenausbau wurde erneuert und das Dach zu einer weiteren Wohnetage ausgebaut. Hierzu sind auch die beiden alten Kehlbalkenlagen entfernt worden.

Die Inneneinteilung wird seit diesem Umbau durch einen schmalen mittleren Längsflur bestimmt, in den rückwärtig ein gegenläufiges Treppenhaus eingestellt ist. Aus der Zeit der Umgestaltung im 19. Jahrhundert erhalten sind die Treppe, Zimmertüren und die Hauseingangstür. Des weiteren sind aus der barocken Zeit erhalten ein Fenster im Dachgeschoss und eine Zimmertür.

Inschriften

Eigentümer*innen, Bewohner*innen

(nach Unterlagen des Stadtarchivs Lemgo zusammengestellt).

1709 Medicus Hildebrand und Hermann Adolf Schnitger.

1716 Jobst Henrich Corvey.

1718 Witwe Johann Schradet, nun Hermann Henrich Schemmel.

vor 1730 Witwe Hermann Henrich Schemmel.

1730 Witwe Johann Heinrich Plöger.

1774/78 Witwe Lieutenant Tilhens zu Leese (bewohnt von Joh. Jobst Bünte).

1781 Lieutenant Tilhens zu Leese (bewohnt von Johann Heinrich Exter).

1783 Lieutenant Tilhens zu Leese, nun Michaelis.

1793 Johann Justus Michaelis (Wohnhaus zu 100 Reichsthalern versichert).

1799 Michaelis Haus, bewohnt von Joh. Wilhelm Witte.

1803 Joh. Bernhard Siek. Am 10.12.1809 heiraten Anna Maria Ilsabe geb. Hackemack, die Witwe von Bernhard Sieks, und Carl Friedrich Kemper (*Bad Oeynhausen-Gohfeld, Bürger zu Lemgo seit 1809). Laut einer Verzeichnung von 1817 hat das weiterhin als Siekens Haus bezeichnete Gebäude eine Feuerstelle und eine weitere Feuerstelle ohne Schornstein.

1830 heiratet Karl Friedrich Kemper Kemper die Witwe von Johann Friedrich Bertrams, geb. Messing.

1836 Maurer Joh. Conrad Hummerjohann. Bürger der Stadt Lemgo seit 1816. Das Wohnhaus ist zu 150 Thalern versichert.

1847 Conrad Hummerjohann Junior. Das Haus ist versichert zu 275 Thaler.

1863 C. Hummerjohann. (unklar ob Conrad oder Carl gemeint ist.) Die Versicherung des Hauses von 31 x 31 Fuß Grundfläche wird auf 350 Thaler erhöht.

1874 Carl Hummerjohann (Wohnhaus für 2700 Mark versichert).

1901, Rita Moszberg, Witwe, Händlerin.[1]

1926, Doris Hummerjohann, Witwe; Fritz Hummerjohann, Maurermeister. (beide 1901 unter H.G.B. 81b verzeichnet.); Marie Zösgen, Witwe.[2]

Literatur

Quellen

"Adreßbuch des Landes Lippe", Detmold 1926.

"Adressbuch für das Fürstenthum Lippe", Detmold 1901.

Denkmalliste der Stadt Lemgo, Nr. A 416.

"Straßenverzeichnis mit Hausnummern. Neue und alte Hausnummern -vor 1890- ermittelt aus B 2601", Lemgo 1972, S. 22.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Adressbuch für das Fürstenthum Lippe, Detmold 1901.
  2. Adreßbuch des Landes Lippe, Detmold 1926.

Autor*innen

Nils Lienenlüke

Seitenhistorie

Seite erstellt am 10.04.2026 von Nils Lienenlüke

Letzte Änderung am: 10.04.2026 von Nils Lienenlüke